.armand schulthess – ein ganz eigenes universum

 Neue Zürcher Zeitung 2011

Armand Schulthess, Universalist

«Jai le téléphone», lockt eine der über tausend säuberlich von Hand beschriebenen kleinen Blechtafeln, die bei Auressio im Onsernonetal in einem Kastanienwald hängen. Auch die Nummer wird dem Passanten auffordernd mitgeteilt. Doch wer sie wählt, klingelt ins Leere. Es sind viele poetische und zuweilen auch leicht skurrile Aporien, die sich um den seltsamen Einsiedler Armand Schulthess ranken, der auf seinem 18 000 Quadratmeter grossen Grundstück im Tessin ein fast unermessliches – und dank der Künstlerin Ingeborg Lüscher und dem Filmemacher Hans-Ulrich Schlumpf legendär gewordenes – Labyrinth des Wissens errichtet. Unzählige Botschaften und Appelle («Grübeln Sie, wie alles so ist und wird?») richten sich auf den glitzernden Täfelchen an einen Leser, der sich vielleicht nie in diesen abgelegenen, verwunschenen Märchenwald verirren wird, und falls doch, dann wird er vom Hausherrn gehörig erschreckt. Dabei entpuppen sich die schwebenden Worte nach dem Tod Schulthess als gigantischer Freiluft-Zettelkasten, der auf eine sich im Inneren der beiden Häuser befindende, unermüdlich laufende Enzyklopädie-Maschine verweist: Tag und Nacht, so scheint es, hat Schulthess das Wissen unsrer Zeit erforscht, hat exzerpiert, kompiliert und collagiert und seine Essenzen in einer selbst fabrizierten, ausufernden Bibliothek zusammengefasst.